Der dritte König

Die Krippe ist ein Ort, an dem sich Menschen aller Zeiten sammeln. An dieser Krippe trägt der dritte König ein weißes Gewand und rote Schuhe. Er hat ein altes Gesicht, in dem man Falten und Risse sieht: Papst Johannes Paul II. So sah er etwa aus, als er gestorben ist.

Der Papst hat das Amt, Stellvertreter Christi auf Erden zu sein und die Kirche zu leiten. Er lebt in Rom, wo die Apostel Petrus und Paulus begraben sind. Er ist vor allem für die Einheit der Kirche in der ganzen Welt zuständig. Das ist eine sehr große Aufgabe, die niemand alleine tragen kann. Und trotzdem ist der Papst die Person, die für diese Aufgabe steht.

Das Kind in der Krippe hat ja auch, so klein wie es ist, die ganze Welt erlösen können.

Papst Johannes Paul II. wurde nicht schon als Papst geboren, sondern als ganz normaler Junge. Karol nannten ihn die Eltern. Sein großer Bruder war sehr viel älter. Also war er der Kleine. Als Karol neun Jahre alt war, starb seine Mutter.

Sein Bruder war inzwischen Arzt und ging schon arbeiten. Also lebte er allein mit seinem Vater. Der ging oft mit seinem Sohn an einen Ort zum Beten, an dem Maria besonders geehrt wird. Sie gingen zu Fuß und Karol liebte diese Wege mit seinem Vater. Und er mochte Maria. Da seine Mutter gestorben war, war die Mutter Gottes doch in besonderer Weise für ihn zuständig.

Karol war ein fleißiger Schüler. Er lernte gerne, besonders Geschichte. Aber nach der Schule wurde zuerst einmal Fußball gespielt. Oft spielten die jüdischen Kinder gegen die christlichen Kinder. Aber in der jüdischen Mannschaft waren oft zu wenig Spieler. Da hat Karol einfach die Mannschaft gewechselt. Auch wenn die jüdischen Kinder weniger galten. Das war mutig. Und vielleicht hatte es auch damit zu tun, dass Karol einen jüdischen Jungen zum Freund hatte.

Ein Freund, mit dem man über alles reden kann ist eine Hilfe, mehr zu verstehen. Karol konnte verstehen, dass er und sein Freund an den gleichen Gott glaubten. Nur mit Maria und Jesus konnte sein Freund nichts anfangen. Und Karol musste zugeben, dass es schwer zu erklären ist, warum er glaubte, dass dieses Kind in der Krippe die ganze Welt erlöst hat.

Vor allem, weil so viel zu sehen war, was nicht gut war. Aber gute Freunde wollten sie einander trotzdem sein.

Als Karol ein junger Mann war, wollte er Schauspieler werden. Er mochte die Kunst. Und er hatte Talent für Sprachen. Aber es war Krieg. Unser Land hat Polen überfallen. Jetzt wurden die Juden nicht nur verachtet sondern verfolgt, eingesperrt und umgebracht. Und alle jungen polnischen Männer mussten für die Deutschen arbeiten. Karol arbeitete in einem Bergwerk. Er hat gut überlegt, was man tun kann, wenn man in einer Zeit lebt, die so voll Gewalt ist. „Wenn ich auch Gewalt übe, dann wird es noch schlimmer. Aber wenn ich meine Zeit ganz gut nutze und so einsetze, dass es Gott gefällt, dann hat niemand außer Gott Macht über mich.“

Damals gehörte Karol zu einer Jugendgruppe mit 15 anderen Jungen und sie haben es richtig geübt, ihre Zeit gut zu nutzen. Sicher hat ihm das später geholfen, als er Papst wurde.

Wenn ein neuer Papst gewählt wird, sind die Menschen nicht nur sehr gespannt, wer es wird, sondern auch, was er als erstes sagen wird. Johannes Paul II. hat als erstes gesagt: „Habt keine Angst.“ Er hat es auf Italienisch gesagt „Non avete paura.“

Ob er daran gedacht hat, dass genau diese Worte die Engel den Hirten auf dem Feld gesagt haben?

Der Papst ist Stellvertreter Christi. Er hat sich erinnert, dass Jesus gesagt hat: „Lasst die Kinder zu mir kommen.“ Darum hat er bald nach seiner Wahl die Kinder eingeladen. Sie sollten das Christkind aus ihrer Krippe mitbringen. Und er, der Stellvertreter Christi würde sie segnen. Da sind die italienischen Mamas wohl auf den Dachboden gestiegen und haben nach der Weihnachtskiste gesucht. Und vielleicht durften dann die frischgeweihten Christkinder bei den Kindern bleiben bis zum Fest.

In Polen, dem Land, aus dem der Papst kam, regierten inzwischen Menschen, die die Welt ohne Gott heil machen wollten. Aus eigener Kraft. Alles sollte allen gehören. Das klingt gut. Aber wer kümmert sich, wenn etwas kaputt geht? Und wer sorgt dafür, dass wirklich gerecht verteilt wird? Es ist den meisten Menschen nicht gut gegangen mit dieser Lebensweise. Vor allem hatten die Menschen keine Freiheit.
Ob Karol, der inzwischen Papst Johannes Paul II. war, ihnen helfen könnte? – Wenigstens konnte er ihre Not verstehen.

Der Papst hat dann etwas gemacht, was vor ihm noch kein Papst gemacht hat. Er ist gereist. In viele verschiedene Länder. Da war es gut, dass er so gerne fremde Sprachen lernte, denn dann konnte er alle Menschen in ihrer Sprache begrüßen. In Polen war das einfach. Das war seine Muttersprache.

In viele Länder und Kontinente ist er gereist. Und immer ist er kräftig und strahlend aus dem Flugzeug oder dem Hubschrauber gestiegen. Den Stab mit dem Kreuz hat er den wartenden Menschen entgegengehalten wie ein Siegeszeichen.

Auch nach Polen ist er gereist. Und damit hat er in seinem Land den Glauben gestärkt. So sehr, dass die Mächtigen Angst bekommen haben. Sie wollten doch beweisen, dass man die Welt ohne Gott erlösen kann.

Er war gerade mal drei Jahre Papst, da haben Leute jemanden bezahlt, damit er den Papst erschießen sollte. Fast wäre es gelungen. Aber, wie er dann selber sagte: „Jemand hat die Kugel umgelenkt.“ Johannes Paul II. hat geglaubt, dass Maria ihn behütet hat. Sein Herz war ganz dankbar dafür, dass ihm noch einmal Zeit zum Leben geschenkt worden ist.

So gerne wollte er die Kirche ins nächste Jahrtausend führen.

Er hat die Kugel, die ihm den Tod bringen sollte für die Krone einer Marienfigur verwendet. Und in seinem Herzen hat er gesagt: „Ich bin ganz dein.“ Das war auch sein Wahlspruch.

Als Papst hatte er sein Leben schon in den Dienst der Kirche gestellt. Da hatte er im Gebet den Gedanken, dass er Maria auch sein Sterben zum Geschenk machen könnte. Auch seinen innigen Wunsch die Kirche ins nächste Jahrtausend zu führen, wollte er in ihre Hand legen.

Er durfte noch lange leben und die Kirche ins nächste Jahrtausend führen. Das hatte er sich so sehr gewünscht. Das war die Gelegenheit für ein großes Fest. Doch als der Termin näher kam, stand nicht mehr das Fest im Mittelpunkt.

Der Papst dachte über Vieles nach: An den langen Weg der Kirche in 2000 Jahren. Er dachte an Maria. Welche Zeiten sie wohl gefreut hatten? War es nicht wunderbar, dass es kaum noch einen Winkel in der Welt gab, wo man von der Geburt des Gottessohnes noch nicht gehört hatte?
Als er an den langen Weg der Kirche dachte seit Gott durch das Kind in der Krippe den Menschen ganz nahe kam, war er ganz betroffen davon, wie viel Schlechtes trotzdem in dieser Zeit geschehen war. Und wie viel auch Christen zu diesem Schlechten beigetragen hatten. Weil der Mensch frei ist kann er sich auch entscheiden, das Böse zu tun. – Das wusste der Papst schon immer.

Aber jetzt dachte er besonders an die Kirche. An alle Menschen, die an Christus glaubten. In diesem Moment hat er sich nicht so sehr als Stellvertreter Christi gefühlt, sondern als Teil dieser Kirche. Da hat er geweint und sich ganz klein gemacht. Und er hat um Vergebung gebeten. Das war in Jerusalem. Dort wo die Juden beten. Ganz nah bei Bethlehem.

Nun war er also fast dort, bei der Krippe. Aber es lag noch ein Stück Weg vor ihm. Sein Sterben, das er Maria schenken wollte. Der kräftige, der „Starke Papst“, wurde krank. Seine Hände zitterten und er konnte nicht mehr gut stehen und nur mit Mühe reden. Seine Ratgeber fanden, er sollte sich ausruhen. Aber der Papst wollte sich unbedingt mit jungen Leuten treffen. So wie er damals die Kinder eingeladen hatte, wollte er jetzt Jugendliche treffen.
Niemand fand, dass das eine gute Idee ist. Aber dann haben sie die Jugendlichen doch eingeladen, obwohl sie dachten: Wer wird schon wegen diesem alten kranken Mann eine Reise machen.

Nun hielt Johannes Paul II. sich an seinem Stab mit dem Kreuz mit seinen letzten Kräften fest. Er konnte fast nichts mehr tun. Aber er konnte darauf vertrauen, dass Gott durch ihn etwas wirken konnte. Manchmal musste er mit dem Rollstuhl geschoben werden. Jeder konnte im Fernsehen sehen, dass er kaum noch die Hand heben konnte, um die Jugendlichen zu segnen.
Da ist etwas ganz Seltsames geschehen. Plötzlich konnten die jungen Leute sehen, dass nicht der mächtigste Mann der Kirche sie besucht. Sondern der Stellvertreter Christi. Ein Funke des Verstehens zündete zwischen diesen Jugendlichen und diesem alten Papst. Ein Funke der Liebe.

Das war das Geschenk, das der dritte König Maria und ihrem Kind mit seinem Sterben gebracht hat.

 

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