Wie die Heilige Dorothee zur Krippe kam

 Eine erweiterte Auslegung der Legende der Heiligen Dorothee

Von ihren Eltern sehnsüchtig erwartet wurde Dorothee im Jahr 290 in Cäsarea geboren. Ihr christlicher Vater Dorus war Senator in einer Provinz des römischen Reiches.

Da dem römischen Kaiser Diokletian die Christen wie ein stechender Dorn im Auge waren, konnte Senator Dorus in seiner hohen Stellung nur im Verborgenen Christ sein.
Dennoch hatte er seine Tochter gleich nach der Geburt taufen lassen. Und seine Frau, die auch Christin war, unterwies sie im christlichen Glauben. Als Dorothee älter wurde, durfte sie die Mutter auch zu den Armen in der Stadt begleiten, wenn sie ihnen Nahrung und Medikamente brachte.

Die Armen hatten trotz ihrer Armut auch einen großen Reichtum. Es waren ihre vielen Kinder.

Wenn Dorothee mit ihrer Mutter unterwegs war, begegneten ihnen fast immer viele Mütter mit ihren Säuglingen. Und bei deren Anblick hüpfte das Herz der kleinen Dorothee vor Freude und das Blut schoss ihr in die Finger.

Eines Tages erzählte ihr die Mutter, dass sie Gott lange Zeit um ein Kind angefleht hatte. Darum habe sie ihr den Tauf-Namen „Dorothea“ – „Gottesgeschenk“ gegeben. „Du bist ja auch ein echtes Gottesgeschenk!“ sagte sie.
Wenn ich ein Geschenk bin, so will ich auch ein Geschenk sein, dachte Dorothee. Und fortan machte sie es sich zur Aufgabe für die ganz Kleinen Geschenke mitzubringen – eine Feder, einen glitzernden Stein und was sich sonst so alles fand. Und wenn sie gar nichts auftreiben konnte, nahm sie ihre Flöte mit und spielte eine heitere Melodie.

Und wenn sie in die kleinen Gesichter schaute, sah sie in all den Kindern nicht nur Menschenkinder, sondern Gottesgeschenke. Es schien ihr, dass diese ganz Kleinen wohl direkt aus dem Paradies kämen. Und sie verstand wohl, warum gerade die Armen so reich beschenkt wurden.

Ihre Mutter erzählte ihr viele Geschichten von Jesus Christus und seinen Jüngern. Sie nannte diese „Evangelium – frohe Botschaft“. Dorothee hörte von der frohen Botschaft für die Armen, sie erfuhr, wie Jesus kranke Menschen heilte, wie er Gleichnisse erzählte, die vom Himmelreich handelten.

Aber wenn sie alleine war und an all dies dachte, so war es Jesus selbst, der ihr besonders nahe war. Der Herr der Jünger, der am Kreuz endete. Ihr schien, als läge darin auch eine Wahrheit über ihr eigenes Leben. Aber dieses Gefühl konnte sie nicht recht verstehen. Was sollte ihr schon widerfahren können? „Gib mir ein Wort, an das ich mich halten kann, wenn ich geprüft werde“, betete sie oft. Und als sie Antwort bekam, blieb ihr diese verschlossen. „Du bist schon gebunden.“, das war es, was sie vernahm. Und weil sie ein großes Herz hatte, verwahrte sie diese Worte dort und dachte bei sich: „Es wird mir schon zur rechten Zeit gezeigt werden, was diese Worte bedeuten.“

Als ihre Mutter eines Abends von der „Geburt des Herrn“ erzählte und von jenen Geschenken, die die Weisen dem Kinde brachten, sprach Dorothee ganz traumverloren: „Ich würde dem Kindlein das Bett mit Rosen schmücken. Und seiner Mutter brächte ich Äpfel aus dem Paradies.

Und den Korb würde ich dem Josef geben, dass er alles für die Flucht hineinpacken könnte.“ So fest stellte sie sich all das vor, dass sie meinte, es sei schon geschehen.

Die Familie des Senators Dorus lebte sehr zurückgezogen. Sie hatte nur wenige Dienstboten. Und zur Verwunderung der Nachbarn keine Sklaven. Da war es schon eine große Herausforderung, als sich Fabrizius der Statthalter der Provinz, zu einem Besuch anmeldete.

„Wenn dieser Abend nur schon vorüber wäre“, hörte Dorothee ihre Mutter seufzen. „Wir haben so gar nichts Besonderes zu bieten, was diesem hohen Herrn Eindruck machen könnte.“
„Ich kann ihm ja auf der Flöte vorspielen“, versuchte Dorothee ihre Mutter zu trösten. Und dieser Vorschlag kam in so kindlicher Arglosigkeit aus ihrem Munde, dass die Mutter es ihr nicht abschlagen mochte.

Fabrizius war jung und neu in seinem Amt. Er wollte die Senatoren in seiner Provinz kennen lernen. Und außerdem war er sehr beschäftigt mit der Frage, wen er standesgemäß heiraten könne.

 

Als er nun dieses Mädchen mit der Flöte sah, begehrte er es so sehr, dass er es am liebsten gleich mitnehmen wollte. Die Eltern würden sich durch eine Heirat bestimmt geehrt fühlen, meinte er. „Diese zarte Rose will ich pflücken“, schoss es ihm durch den Kopf und er ging zielstrebig auf das Mädchen zu.

Ernst hörte sie ihm zu. Dann schwieg sie eine Weile und lauschte in sich hinein. Sie sah ihm direkt in die Augen und gab ihm die merkwürdige Antwort: „Ich bin schon gebunden.“
Das wollte Fabrizius nicht glauben. „Wo ist er denn, dein Bräutigam?“ Und er sah das Mädchen erröten. Wieder schwieg sie – dem ungeduldigen Fabrizius schien es eine Ewigkeit lang. Dann antwortete sie fest: „Für deine Augen ist er unsichtbar, doch er ist immer bei mir.“

Da geriet Fabrizius in Wut. Er begriff schnell, dass dieser unsichtbare Nebenbuhler der Christengott war. Und einen Unsichtbaren kann man schwerlich beiseite schaffen.
„Du musst von diesem törichten Glauben lassen“, drohte er dem Mädchen: „Du kannst als meine Frau reich und glücklich leben. Der Stolz deiner Eltern wirst du sein, wenn du diesem Gott abschwörst.“

Dorothee blieb standhaft und wiederholte nur: „Ich bin schon gebunden.“ Und zu ihren Eltern sprach sie: „Nun bin ich wohl ein Geschenk Gottes für euch gewesen, und ich bitte euch, dass ich Gott sein Geschenk wieder unversehrt zurückbringen darf.“ Unter Tränen nickten ihr die Eltern zu.

Da fiel Fabrizius kein anderes Mittel ein als Gewalt. Er ließ das Mädchen schlagen und foltern. Und als Dorothee bei ihrer Antwort blieb, ordnete er eine öffentliche Hinrichtung an.

Er konnte ihre Standhaftigkeit nicht begreifen. Schon lange hatte er sich gewundert, was Kaiser Diokletian gegen die Christen hatte, die doch ordentlich und widerstandslos ihre Steuern bezahlten. Jetzt war ihm klar, dass auch er, der Kaiser, es nicht ertragen konnte, dass er die oberste Macht über sie nicht hatte.

Fabrizius wollte Dorothee verhöhnen. Er wollte sich stark fühlen durch seinen Spott. So rief er laut ihre letzten Worte in die Menge: „Hört was diese Mädchen für einen Unsinn redet: Sie gehe in ein anderes Land. Dort werde es niemals kalt.“ Einer von den Zuschauern, ein Schreiber – sein Name war Theophilus -, griff den Spott auf: „Da kannst du mir ja von dort Rosen schicken.“

Doch Dorothee hörte nicht den Spott: „Rosen aus dem Paradies will ich dem Kind in der Krippe bringen.“ – Mit diesem zuversichtlichen Gedanken neigte sie ihren Kopf vor dem Henker.

Und da stanDSC_2232d sie nun mit ihrem Korb. Ohne zu zögern ging sie auf Maria zu, ihr die Gaben zu bringen. Es war für sie wie ein nach Hause Kommen, und sie wunderte sich gar nicht, sondern sie freute sich nur, nun endlich an diesem Ort sein zu dürfen, wo Himmel und Erde für immer miteinander verbunden sind.

Maria sprach: „Dein Leben ist das Geschenk. Denn dein gerader Weg, den du so lauter bis zu Ende gegangen bist, ist ein Zeugnis für dieses Kind. Gib den Korb mit den Rosen einem der Hirtenknaben. Er mag ihn Theophilus bringen, damit auch er glaubt, dass es ein Land gibt, in dem es niemals kalt wird.“

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