Zur Autorin (9)

selbstverständlichImm

Ich bin nicht verständlich –
jedenfalls nicht selbstverständlich.
Nicht selbstverständlich ist, dass ich bin.
Ohne mein Herkommen ist mein Dasein
unverständlich.
Sein setzt  Gewordensein vorraus.
Aufgeklärt, aus dem Bauch heraus, würde ich sagen,
ist das wirklich so klar – dass gerade ich aus dem Bauch heraus…
Und dann hier?
Verstehen Sie ihr Dasein? Heute?

12. Mai 2015

Pseudonym

Der Versuch, die Worte
von ihrem Verursacher zu trennen.
Sich hinter ihnen zu verstecken.

Schreiben wie ein Anderer
kann nur ein Anderer.

4. Mai 2013

 Zustände

Wenn Mutter Zustände hatte
fühlte ich mich zuständig,
kochte Grassuppe
half nicht – aber so war ich aufgeräumt.
Später selbergroß
bekam ich keine
Zustände.
Nur Zusprünge (und Zulagen)
Sprang – schöpferisch
Lag – erschöpft.

Das erschwert
die Standfindung
bis heute.
Koche Spinatsuppe
bin unaufgeräumt.

4. Mai 2013

selbstkontrolle

normalerweise
kontrolliere ich mich nicht
ich lasse mich gehen
es geht mir gut damit
der schreck
wenn durchgehn die nerven:

ich hab die kontrolle nicht

14. Mai 2013

Unfreiwilliger Reisegenosse

Fort wollt ich, fort – woanderst – neu,
fuhr stundenlang und dachte, dort
– wie ich mich freu. Wer Anders sein!
Dort werde ich ganz neu.

Ich hatte fremde Kleider eingepackt,
Kombinationen, die ich zu Haus nie trage –
in einen Koffer, nicht in einen Sack:
Das andere Ich ist ordentlich,  ohne Frage.

Doch zu dem Koffer kam noch eine Tasche
und ein Getränk, Obst, Kekse, Schokolade.
Die kleine Tasche hat es mir vermasselt.
Kekskrümelbrei – das alte Ich – wie schade!

13. Oktober 2013

Raumgreifend

Zu schnell,
zu laut,
zu zupackend,
zu viel redend,
zu raumgreifend.

Jedenfalls liebe ich mich selbst.
Also ist eine Chance
zur Nächstenliebe
vorhanden.

16. April 2014

Sozusagen grundlos betrübt

(in Anlehnung an „Sozusagen grundlos vergnügt“ von Mascha Kaléko)

Mich drückt der Tag, kaum hebe ich die Decke,
Die Luft so schwer, die Herzenskammer eng,
Der Wecker schrillt. Ich werf ihn in die Ecke.
Der Pulli kratzt, ich in die Schuh mich zwäng,
Ist alles bitter, alles grau und trüb,
In dieser Welt, die ich noch gestern liebt.
Wozu dies Leben jeden Tag vollführen?
Ich stehe auf aus purem Funktionieren.

Mich drückt der Schuh, der Tag, der Magen
Wie quäl ich mich, des Tages Last zu tragen,
Kann einfach nicht entscheiden, wo beginnen,
Und tue nichts, und lass die Zeit verrinnen.
Der Druck nimmt durch das Nichtstun ständig zu.
„Ach, bitte, Leute, lasst mich halt in Ruh!
Der Tag geht einfach über meine Kraft.
Mein ganzes Leben hab ich nichts geschafft!“

Was fehlt mir nur, wo ich doch alles habe,
Selbst Menschen, die mich so verstimmt ertragen?
Ach, träfe ich auf eine Küchenschabe,
Dann hätt ich endlich einen Grund zu klagen.
Mir fehlt ein guter Grund betrübt zu sein.
Ich fühl mich unter euch heut so allein!
Mich drückt der Tag, der Schuh, der Magen.
Am allerliebsten würd ich jemand schlagen.
Doch auch das Schlagen gäbe keinen Sinn:
Bin so betrübt…  weil ich betrübt heut bin.

7. Februar 2015

Bunte Tücher

Ich trage bunte Tücher gern
um Kopf und Hals und Kragen.
Síst meine Art auf diesem Stern
für Wandlung Dank zu sagen.

Sie wärmen mich und kühlen mich,
sie zieren und verhüllen mich.
Mal sind sie farblich Kontrapunkt,
mal pure Harmonie.
Ihr bestes ist – sie  lenken ab
und dafür lieb ich sie.
9. September 2017

Ich rufe den Mond

Ich rufe den Mond.
Ohne Telefon.
Der ist da, nachts,
wenn nur noch
Automaten
Abwesenheiten
ansagen.

Ich rufe den Mond.
Ohne Antwort.
Er ist da, nachts,
wenn mein Alleinsein
die Sehnsucht nach Nichtsein
weckt im Lampenschein.

Ich rufe den Mond
ohne Telefon, ohne Antwort.
Fern ist der Mond
zwischen Schein und Nichtschein,
da und nicht da, wie ich
mir fern und mir nah.

Trost, Trost
spricht der Mond
ohne Antwort, ohne Telefon
durch den Schein
seines Daseins
in mein Leersein.

24. März 2018

Immer

Immer wieder verliere ich den Kalender.
Auch wenn ich nicht weiß wie spät es ist
holt mich die Gegenwart ein.
Auf der Schwelle das gute Wollen.
Im Ersehnen das treffende Wort.
Klarheit zum Greifen nah
entfleucht, während ich den Kalender suche,
in dem auch nicht steht,
was ich gerade, beinahe begriff.


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