{"id":2911,"date":"2015-10-18T14:14:03","date_gmt":"2015-10-18T13:14:03","guid":{"rendered":"http:\/\/luise-marcks.de\/?p=2911"},"modified":"2015-11-30T20:13:40","modified_gmt":"2015-11-30T19:13:40","slug":"der-erste-krippenschnitzer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/luise-marcks.de\/?p=2911","title":{"rendered":"Der erste Krippenschnitzer"},"content":{"rendered":"<p>Tim Radek, der erste Krippenschnitzer<\/p>\n<p>Tim Radek war ein nachdenklicher Junge. Er schaute sich die Welt an und wunderte sich, dass sie so war, wie sie war. Warum hatte er kr\u00e4ftige Arme und Beine und seine Schwester konnte nur auf der Strohmatte sitzen? Warum gab es bei ihnen zu Hause immer genug zu essen, oder jedenfalls meistens, w\u00e4hrend wenige Stra\u00dfen weiter hungrige Kinder um Brot bettelten? Und warum musste sein Vater soviel Steuern an die R\u00f6mer bezahlen anstatt Brot f\u00fcr die hungrigen Kinder zu kaufen?<\/p>\n<p>So viele Fragen. Und jede Antwort brachte so viele neue Fragen. Oft wurde Tim Radek ganz traurig, weil er so vieles nicht verstehen konnte. Da war es seltsamerweise seine kleine Schwester Mirjam, die niemals wie die anderen Kinder durch die Stra\u00dfe laufen konnte, die ihn dann tr\u00f6stete. \u201eDu hast so kr\u00e4ftige Arme, damit du mich herumtragen kannst. Und dem lieben Gott helfen, die Welt zu reparieren.\u201c Niemand sonst sprach vom \u201elieben\u201c Gott. Au\u00dfer seine kleine Schwester, die in seinen Augen Grund h\u00e4tte mit Gott zu hadern. Aber er hatte keine Idee, wie er beim Reparieren der Welt behilflich sein k\u00f6nne. Tagelang dachte er dar\u00fcber nach. Dann ging er zu seinem Vater und sagte: \u201eVater, ich will Arzt werden.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAch, Bub\u201c, seufzte der Vater, \u201eals Sohn eines einfachen Handwerkers kannst du nur Handwerker werden. Oder dich als Hirte verdingen. Denn dein \u00e4lterer Bruder wird wohl einmal die Werkstatt \u00fcbernehmen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eNur reiche und m\u00e4chtige Menschen k\u00f6nnten Gott helfen die Welt zu reparieren. Und die sind damit besch\u00e4ftigt noch reicher und m\u00e4chtiger zu werden\u201c, klagte Tim Radek seiner Schwester. \u201eUnd wenn ich als Hirte auf den Weiden bin, kann ich dich nicht einmal umhertragen.\u201c Auch Miriam war ein bisschen traurig, aber das sollte Tim Radek nicht merken. Sie dachte eine Weile nach. Pl\u00f6tzlich brach sie ihr Schweigen: \u201eDu k\u00f6nntest dich bei Isias bewerben. Der findet n\u00e4mlich niemanden, der ihm zur Hand gehen will. Und wenn Vater dir die Schnitzmesser mitgeben w\u00fcrde, dann k\u00f6nntest du neue Tiere und Figuren schnitzen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWarum gerade bei dem? Es hei\u00dft, er tobt und schimpft. Er sei ungerecht.\u201c Mirjam wunderte sich. Konnten die Menschen mit den gesunden Beinen wirklich so wenig erkennen? \u201eBitte Bruder, versuche es. Versuche, ihm ein getreuer Knecht zu sein. Er ist nicht b\u00f6se. Es sind nur die Schmerzen in seinem rechten Bein, besonders wenn das Wetter wechselt.\u201c<br \/>\n\u201eDu meinst, wenn ich ihn unterst\u00fctze, dann helfe ich ein ganz klein bisschen dem lieben Gott?\u201c Mirjam nickte verlegen. \u201eUnd deine Schnitzereien \u2013 mag Vater sie auch unn\u00fctz finden. Sie sind sch\u00f6n.\u201c<\/p>\n<p>Auch Isias fand die Schnitzereien sch\u00f6n. \u00dcberhaupt war er zufrieden mit seinem neuen Knecht. \u201eSeit dieser Tim bei Isias arbeitet, schreit er viel weniger herum. Er erlaubt dem Burschen sogar stundenlang zu schnitzen\u201c, wunderte sich Augustin. Isias schmunzelte in sich hinein, wenn er seine Kollegen so reden h\u00f6rte.<\/p>\n<p>Dieser Tim Radek n\u00e4mlich \u00fcbernahm die ganze Arbeit, wenn ein Wetterwechsel sich anbahnte. Er schien einfach zu sp\u00fcren, wenn der Meister Schmerzen hatte. Er brachte dann eines von den ruhigen Schafen, so dass er die schmerzende Stelle in seinem Fell w\u00e4rmen konnte. Und dazu sagte Tim Radek so merkw\u00fcrdige S\u00e4tze wie: \u201eAuch ein Lamm will helfen, die Welt zu reparieren.\u201c Das verstand Isias zwar nicht. Aber er verstand, dass dieser junge Mann ihm gut war und mit ihm f\u00fchlte.<\/p>\n<p>Ganz besonders hatte sich das in jener Nacht gezeigt, als die Engel den Retter der Welt verk\u00fcndet hatten. Alle waren sie eilends aufgebrochen. Nur Tim Radek hatte sich nach ihm umgesehen und gemerkt, wie heftig seine Schmerzen ihn bei jedem Schritt peinigten. Er hatte kurz gez\u00f6gert, und ihn dann, wie einst seine kleine Schwester, auf den R\u00fccken genommen. Zuerst wollte Isias das nicht, denn er war ein stolzer Mann. Aber die Aussicht den Heiland der Welt mit eigenen Augen sehen zu d\u00fcrfen, machte seinen Stolz ganz unwichtig.<\/p>\n<p>Und als er dann ankam und das Kind sah, verga\u00df er sogar den Schmerz. Weit \u00f6ffnete er Augen und Herz, um dieses Bild f\u00fcr immer zu bewahren.<\/p>\n<p>Und sp\u00e4ter, als sie sich auf der Weide an jene heilige Nacht erinnerten, bat Isias Tim Radek, ihm eine Krippe zu schnitzen. Und wenn er sie ansah, wurde er froh und seine Augen leuchteten.<br \/>\nSeine zweite Krippe schnitzte Tim f\u00fcr seine Schwester Mirjam. Ihr wollte er alles ganz genau erz\u00e4hlen, was der Engel verk\u00fcndet und was er und die Hirten erlebt hatten. F\u00fcr Tim Radek war klar, dass der Heiland der Welt in die Stadt gehen w\u00fcrde, denn dort war das Unheil der Menschen so greifbar. Und seine Schwester w\u00fcrde ihn dort erwarten. Sie w\u00fcrde ihn um gesunde F\u00fc\u00dfe bitten. Oder w\u00fcrde sie ihn um Frieden auf Erden bitten?<br \/>\nTim Radek glaubte dem Engel. Obwohl er nur ein Kind gesehen hatte. Ganz hilflos und klein. Eigentlich noch ohnm\u00e4chtiger als er selber.<br \/>\nWie gut, dass der Heiland der Welt hier geboren ist, bei uns Armen und den Tieren. Vielleicht w\u00fcrde er auch da anfangen, die Welt heil zu machen?<\/p>\n<h4><\/h4>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tim Radek, der erste Krippenschnitzer Tim Radek war ein nachdenklicher Junge. Er schaute sich die Welt an und wunderte sich, dass sie so war, wie sie war. Warum hatte er kr\u00e4ftige Arme und Beine und seine Schwester konnte nur auf der Strohmatte sitzen? 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