{"id":2915,"date":"2015-10-18T14:12:13","date_gmt":"2015-10-18T13:12:13","guid":{"rendered":"http:\/\/luise-marcks.de\/?p=2915"},"modified":"2015-11-30T20:07:20","modified_gmt":"2015-11-30T19:07:20","slug":"das-schaf-adele","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/luise-marcks.de\/?p=2915","title":{"rendered":"Das Schaf Adele"},"content":{"rendered":"<p><strong><u>Dabei sein ist alles<\/u><\/strong><\/p>\n<p><u>\u00a0<\/u>Wenn die kleinen L\u00e4mmlein auf die Welt kommen und sich \u00fcben auf den noch wackeligen eigenen Beinen zu stehen, sieht das sehr lustig aus. Und die Hirten haben Freude daran, die Kleinen zu beobachten. Das kleine Schaf Adele mochte es, beobachtet zu werden. Deshalb hatte es bald viele lustige Ideen, wie es in der gro\u00dfen Herde auffallen k\u00f6nnte. So lernte sie es, abwechselnd nur auf den Hinterbeinen und dann doch wieder nur auf den Vorderbeinen zu laufen. \u201eSeht mal, was Adele macht\u201c, sagten die Hirten dann zueinander. Und dabei f\u00fchlte sich Adele wohl. Auch als sie sich angew\u00f6hnte, sich durch seitliches Rollen fort zu bewegen, erregte sie damit Aufsehen. Und auch etwas \u00c4rger.<\/p>\n<p>Doch sie wuchs schnell heran, und bald war die n\u00e4chste Generation kleiner, drolliger L\u00e4mmlein geboren. Adele h\u00f6rte niemand mehr ihren Namen nennen. Auch wenn sie oft in der N\u00e4he der Hirten herumstrich, schien sie niemand mehr zu kennen.<\/p>\n<p>Eines Abends h\u00f6rte sie den Hirten am Lagerfeuer zu. Sie erz\u00e4hlten von dem Aufwand, den sie wegen eines verlorenen Schafes betrieben hatten. Zu zweit waren sie losgezogen. \u00dcberall hatten sie gesucht. Auch die Dunkelheit hatte sie von ihrer Suche nicht abhalten k\u00f6nnen. Und so froh waren die Hirten, das verloren geglaubte Schaf wieder gefunden zu haben, das sich in einem Dornengestr\u00fcpp verfangen hatte. Ganz kl\u00e4glich hatte es gejammert. Und die Hirten streichelten das wieder gefundene Schaf, das bei ihnen am Feuer lag.<\/p>\n<p>Das war der Augenblick, in dem Adele beschloss, sich selbst zu verlieren. Sie w\u00fcnschte sich, dass man sie auch sucht und findet und dann ganz, ganz lieb hat.<\/p>\n<p>Doch der Weg von einem Wunsch und einem sch\u00f6nen Einfall bis zum Geschehen war alles andere als einfach. Adele hatte zwar einen Kopf voller Einf\u00e4lle, aber sehr mutig war sie nicht. Allein schon die Vorstellung, sich nachts allein aus dem Schafstall zu entfernen. An Wolf, dem Hirtenhund, vorbei. Im Dunkeln. Und wo sollte sie sich verstecken? Denn ganz allein unter dem weiten Sternenhimmel zu liegen, war ihr wirklich zu aufregend.<\/p>\n<p>In den n\u00e4chsten Tagen hielt Adele die Augen offen. Und bald hatte sie eine L\u00f6sung gefunden. Nicht ganz weit weg vom n\u00e4chsten Dorf gab es einen H\u00f6hlenstall. Dort wurde Heu gelagert. Und manchmal n\u00e4chtigte dort auch ein Ochse, wenn er zum Pfl\u00fcgen der umliegenden Felder gebraucht wurde.<\/p>\n<p>So blieb Adele am n\u00e4chsten Abend auf der Wiese in einer Mulde ganz flach liegen, bis alle anderen Schafe in den Stall getrieben waren.<\/p>\n<p>Im D\u00e4mmerlicht wollte sie sich dann leise davonstehlen. In ihrer Phantasie trat sie dabei auf Schlangen und Skorpione. Und sie h\u00f6rte deutlich den scharfen Atem eines echten Wolfes. Doch ein Zur\u00fcck gab es nicht mehr. Und so raste sie mit heftigem Herzklopfen in jenen H\u00f6hlenstall und vergrub sich ins Heu.<\/p>\n<p>Als sie sich etwas gefasst hatte, fing sie an, den Wolfsatem ihrer Einbildungskraft zuzuschreiben. Und als sich ihr Herzschlag beruhigt hatte, fing sie an zu tr\u00e4umen, sie werde gefunden. Den Schafen w\u00fcrde ihre Abwesenheit bestimmt schon aufgefallen sein. Vielleicht w\u00fcrden die Hirten ihr Fehlen auch schon am Abend bemerken. Wer sie wohl suchen w\u00fcrde? Vielleicht Augustin? Der f\u00fcrchtet den Wolf nicht. Jedenfalls hatte er von seinem Mut oft gesprochen. Sie wollte jedenfalls eine ruhige Nacht im Schutz der H\u00f6hle verbringen.<\/p>\n<p>Doch die Nacht blieb nicht ruhig. Fremde Menschenstimmen waren zu h\u00f6ren. Eine Frauenstimme. Ein Esel. Eine merkw\u00fcrdige Spannung lag in der Luft. Adele grub sich immer tiefer ins Heu, um nur ja nicht bemerkt zu werden. Einige Zeit war es ruhig. \u2013 Doch da. Wimmerte da nicht ein kleines L\u00e4mmchen? Oder klang so die Stimme eines ganz kleinen Menschenkindes?<\/p>\n<p>\u00c4ngstlich und neugierig zugleich steckte Adele ihren Kopf aus dem Heuhaufen. Und was sie da jetzt sah, lie\u00df sie das Gewimmer sofort vergessen.<\/p>\n<p>Alle Hirten waren unterwegs zu dem Stall. Mit ihnen der Hirtenhund. Und alle Schafe. So sehr hatte sie den anderen gefehlt, dass alle gemeinsam auf die Suche gegangen waren. Und ging vorneweg nicht ihre Mutter, die wohl sp\u00fcrte, wo Adele zu finden sei?<\/p>\n<p>Gerade wollte Adele ihr entgegenh\u00fcpfen, hinein in das wohlige Gef\u00fchl des Gefundenwerdens.<br \/>\nDa geschah etwas Sonderbares. Ihr schien, als w\u00e4re gar nicht sie, die verloren gegangene Adele, der Mittelpunkt des Interesses. Alle wandten sich den Menschen zu. Sie hatte richtig geh\u00f6rt und gesehen. Da waren ein Mann und eine Frau. Und dazu ein so winziges Menschenkind, wie man es drau\u00dfen auf den Feldern sonst nie zu Gesicht bekam. Waren etwa alle Hirten und Schafe gar nicht wegen ihr gekommen? Es war das Kind, dieses winzige Menschlein, das sie ansahen, als w\u00e4re es ein Wunder. Etwas ganz Besonderes.<\/p>\n<p>So viel entt\u00e4uschte Erwartung konnte Adele kaum aushalten. Doch noch ehe sich der Schmerz der Entt\u00e4uschung ganz in ihr ausbreiten konnte, wusste sie pl\u00f6tzlich, was sie tun w\u00fcrde. Sie sprang auf ihre Mutter zu und rief laut: \u201eMama, ich war dabei, als dieses Kind geboren wurde!\u201c<\/p>\n<p>Auch wenn Adele nie ganz verstand, welche Bedeutung diese Nacht und dieses Kind f\u00fcr die Hirten hatte. Mit diesen Worten begann sie fortan an jedem Abend bei ihr zuhause im Stall eine neue Geschichte zu erz\u00e4hlen, was sich alles in jeder Nacht zugetragen hatte.<\/p>\n<p>Und manchmal verlor sie \u00fcber dem Geschichtenerz\u00e4hlen sogar sich selbst. Und sie konnte sich an den Geschichten so freuen, als h\u00e4tte sie sie gar nicht selbst erfunden, sondern jemand h\u00e4tte sie ihr ins Ohr gefl\u00fcstert.<\/p>\n<p>Und einmal, als der Mond besonders sch\u00f6n in den Stall leuchtete, erz\u00e4hlte sie sogar, warum sie wirklich in jener Nacht damals aufgebrochen war. Und sie konnte mit allen anderen dar\u00fcber lachen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dabei sein ist alles \u00a0Wenn die kleinen L\u00e4mmlein auf die Welt kommen und sich \u00fcben auf den noch wackeligen eigenen Beinen zu stehen, sieht das sehr lustig aus. Und die Hirten haben Freude daran, die Kleinen zu beobachten. Das kleine Schaf Adele mochte es, beobachtet zu werden. 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