Das Mädchen vom Jakobsbrunnen

Seit Jael alt genug war Wasser zu schöpfen ging sie Tag für Tag hinaus zum Jakobsbrunnen, den ihr Erzvater Jakob selber gegraben hatte. Bei der Gelegenheit konnte sie den vielen Fremden zuhören, die meist auf dem Weg nach oder von Jerusalem dort Station machten. Die Leute aus ihrer Stadt beteten in der Nähe auf dem Berg Garizim zu Gott. Und sie waren uneins mit denen, die auf dem Weg nach Jerusalem waren.

Eine Weile lang hatte Jael überlegt, ob es in Jerusalem etwas zu finden gäbe, was ihr Sehnen stillen würde. Aber die Rückkehrenden zankten sich ebenso um das kostbare Wasser, wie die Hinreisenden. Da dachte sie: „Wenn man etwas findet, was das eigene Sehnen stillt, würde man auch mit anderen im Frieden sein können.“ Und so blieb sie bei der Hoffnung, dass das Ersehnte sie eines Tages erreichen würde. Am Brunnen, denn dort kamen alle Fremden an, die etwas Neues bringen konnten.

Was sie ersehnte, wusste sie nicht. Aber sie wusste, dass ihr etwas fehlte. Etwas, das groß genug war sie ganz zu erfüllen. Nicht nur einen Moment lang, wie es auch Vogelsang und Flötenklang ab und an vermochten. Anders, tiefer, dauerhafter müsste es sein.

Die Heftigkeit dieses Verlangens konnte sie immer wieder aus der Heiterkeit in tiefste Verzweiflung stürzen.

Sie sah auch ohne die Belehrung der Anderen ein, dass ihr nach menschlichem Ermessen nichts fehlte. „Es gibt halt nicht nur Höhepunkte im Leben – das Leben ist kein dauerndes Fest“, mahnte die Mutter. Doch das war es auch nicht, was Jael wirklich in ihrem Leben ersehnte. Im Gegenteil – gerade in Festzeiten fühlte sie den Mangel noch tiefer und deutlicher. Sollte ihr Leben so verlaufen, wie das ihrer Mutter und das der Mutter ihrer Mutter?

Mehr aus Langeweile fing sie an, den Männern und Knaben schöne Augen zu machen. Mit Erfolg, wie sich schnell herausstellte. Und doch auch wieder nicht. Zwar war das Mädchen anziehend, doch wer ihr sehr nahe kam, merkte schnell, dass er ihrem intensiven Sehnen nicht standhalten konnte.

Jael verstand nicht, warum diese Eigentümlichkeit die Knaben so schnell wieder von ihr wegtrieb.

Die intime Nähe eines anderen Menschen erfüllte sie nur einen Augenblick. Sie wurde gewahr, dass darin noch kein gegenseitiges Erkennen in letzter Tiefe lag.
„Ich sehne mich so“, schrie ihr Herz gerade dann, wenn andere Zufriedenheit und Dankbarkeit von ihr erwarteten.
Als sie eines Morgens wieder zum Jakobsbrunnen hinausging, hatte dort eine seltsame Karawane eine Rast eingelegt. „Elefant“, nannten sie das riesige Reittier, das alle bestaunten. Das trank – man kann es kaum glauben – durch seine überlange Nase. Die Leute aus der Stadt fanden das aufregend.

Jael aber fand etwas ganz anderes aufregend. Etwas, das sie gar nicht gleich benennen konnte. Es hatte mit dem Grund der Reise der Karawane zu tun. Zwar ging deren Weg auch in Richtung Jerusalem. Aber offenbar handelte es sich dabei nicht um eine Pilgerreise im üblichen Sinn. Diese Leute waren keine Juden, die dort opfern und beten wollten.

Es waren Leute, die sich für die ganz großen Geheimnisse der Welt interessierten und die sich die Richtung des Weges von einem Stern weisen ließen. Auf ihren Gesichtern lag eine Erwartung und Sehnsucht, als ob sie einem unendlichen Glück entgegen gingen.

Sollte es in dem täglichen Einerlei etwas nie Dagewesenes geben? Sie strahlten ein Vertrauen aus, als wäre dieses Glück schon zum Greifen nah. Der lange beschwerliche Weg dorthin schien sie nicht zu schrecken. Ihre große Sehnsucht trieb sie zur Eile an.

Als Jael sah, dass sich die Karawane zum Aufbruch rüstete, drängte es sie, sich unter das Gefolge zu mischen. „Noch schnell die festen Schuhe holen und den Brotbeutel“, dachte sie. Doch zu Hause angekommen, war sie schon so erregt und in Eile, so dass sie statt nach dem Notwendigen nach der Flöte griff.
„Bald, bald, bald“, klang es in ihrem Herzen wie eine Melodie. Mit jedem Schritt den sie mit der Karawane zog wuchs ihre Hoffnung. Dabei wusste sie gar nicht nach was diese Leute suchten.

Jerusalem war eine schöne Stadt. Sie lag hoch oben am Berg. Man sah die Dächer des Tempels schon von weitem und den Palast des Königs golden in der Morgensonne glitzern. Doch wenn man näher kam, war es auch nur eine Stadt aus Steinen.

Die Karawane bewegte sich nicht in Richtung des Tempels, sondern drängte zum Palast des Königs.

Merkte denn niemand, dass der Stern inzwischen eine andere Richtung wies?

Nein, Jael war nicht so enttäuscht und verwirrt wie die klugen Fürsten der Karawane, als sie aus dem Palast zurückkamen. Diese dachten, dass die Reise hier beim König in Jerusalem enden würde. Doch nach dieser Enttäuschung stellte sich bei ihnen bald die frühere Hoffnung wieder ein, das richtige Ziel ihrer Reise zu finden.

Sie ließen die Lasttiere beladen und bestiegen ihre Reittiere, um weiterzuziehen. Im Gefolge wurde darüber gemurrt. Jetzt, wo man endlich einmal eine große Stadt erreicht hatte, musste man gleich wieder weiterwandern.

Das kleine afrikanische Mädchen das den Elefanten lenkte deutete aufgeregt zum Himmel. Sie sah den Stern und wollte weiter.

Jael spürte jetzt die Blasen an ihren Füßen. Doch sobald sie hinaufschaute zum Stern, hörte sie es in ihrem Herzen wieder klingen: „Bald, bald“. Vielleicht war sie dem ersehnten Glück schon ganz nahe!?

Als der Stern stehen blieb, sah Jael erst einmal einen Brunnen. Gewohnt sich dort schnell einen Platz zu sichern, setzte sie sich auf seinen Rand. Hatte der Stern sie alle genarrt?

Sollte das Ziel der Reise ein Brunnen sein, der armseliger war als der zu Hause? Nichts Neues unter der Sonne. Sie wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte.

Seltsam. Und dann – dann wurde ihre Seele plötzlich ganz still. Nie zuvor hatte sie verstehen können, was diese Worte aus dem Psalm meinten: „Meine Seele wird ruhig, sie wird still. Wie ein Kind in den Armen der Mutter ist gestillt meine Seele in mir – wohnt sicher in seinem Frieden.“

DSC_2220Nun wich alle Anspannung von ihr. Sie wusste, dass es ein neues Lächeln war, wie es ihr noch nie geschenkt war, als sie die Flöte an die Lippen führte. Sie spielte die Melodie des „Bald“ – eine freie Improvisation über den Weg hierher.

Und die sehnsuchtsvolle Weise wandelte sich wie von selbst in den strahlenden Klang des „Heute –Hier“.

Und sie sah das Kind in der Krippe liegen. Und sie fühlte sich von diesem Kind gesehen. Ganz so gesehen, wie sie in Wahrheit war.

Als Jael nach Hause zurückgekehrt war, glaubte ihr niemand diese Geschichte. Nur die Mutter fand, dass etwas in ihrem Mädchen, das oft so getrieben schien, zur Ruhe gekommen war. Wodurch auch immer.

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