Das Schaf Adele

Dabei sein ist alles

 Wenn die kleinen Lämmlein auf die Welt kommen und sich üben auf den noch wackeligen eigenen Beinen zu stehen, sieht das sehr lustig aus. Und die Hirten haben Freude daran, die Kleinen zu beobachten. Das kleine Schaf Adele mochte es, beobachtet zu werden. Deshalb hatte es bald viele lustige Ideen, wie es in der großen Herde auffallen könnte. So lernte sie es, abwechselnd nur auf den Hinterbeinen und dann doch wieder nur auf den Vorderbeinen zu laufen. „Seht mal, was Adele macht“, sagten die Hirten dann zueinander. Und dabei fühlte sich Adele wohl. Auch als sie sich angewöhnte, sich durch seitliches Rollen fort zu bewegen, erregte sie damit Aufsehen. Und auch etwas Ärger.

Doch sie wuchs schnell heran, und bald war die nächste Generation kleiner, drolliger Lämmlein geboren. Adele hörte niemand mehr ihren Namen nennen. Auch wenn sie oft in der Nähe der Hirten herumstrich, schien sie niemand mehr zu kennen.

Eines Abends hörte sie den Hirten am Lagerfeuer zu. Sie erzählten von dem Aufwand, den sie wegen eines verlorenen Schafes betrieben hatten. Zu zweit waren sie losgezogen. Überall hatten sie gesucht. Auch die Dunkelheit hatte sie von ihrer Suche nicht abhalten können. Und so froh waren die Hirten, das verloren geglaubte Schaf wieder gefunden zu haben, das sich in einem Dornengestrüpp verfangen hatte. Ganz kläglich hatte es gejammert. Und die Hirten streichelten das wieder gefundene Schaf, das bei ihnen am Feuer lag.

Das war der Augenblick, in dem Adele beschloss, sich selbst zu verlieren. Sie wünschte sich, dass man sie auch sucht und findet und dann ganz, ganz lieb hat.

Doch der Weg von einem Wunsch und einem schönen Einfall bis zum Geschehen war alles andere als einfach. Adele hatte zwar einen Kopf voller Einfälle, aber sehr mutig war sie nicht. Allein schon die Vorstellung, sich nachts allein aus dem Schafstall zu entfernen. An Wolf, dem Hirtenhund, vorbei. Im Dunkeln. Und wo sollte sie sich verstecken? Denn ganz allein unter dem weiten Sternenhimmel zu liegen, war ihr wirklich zu aufregend.

In den nächsten Tagen hielt Adele die Augen offen. Und bald hatte sie eine Lösung gefunden. Nicht ganz weit weg vom nächsten Dorf gab es einen Höhlenstall. Dort wurde Heu gelagert. Und manchmal nächtigte dort auch ein Ochse, wenn er zum Pflügen der umliegenden Felder gebraucht wurde.

So blieb Adele am nächsten Abend auf der Wiese in einer Mulde ganz flach liegen, bis alle anderen Schafe in den Stall getrieben waren.

Im Dämmerlicht wollte sie sich dann leise davonstehlen. In ihrer Phantasie trat sie dabei auf Schlangen und Skorpione. Und sie hörte deutlich den scharfen Atem eines echten Wolfes. Doch ein Zurück gab es nicht mehr. Und so raste sie mit heftigem Herzklopfen in jenen Höhlenstall und vergrub sich ins Heu.

Als sie sich etwas gefasst hatte, fing sie an, den Wolfsatem ihrer Einbildungskraft zuzuschreiben. Und als sich ihr Herzschlag beruhigt hatte, fing sie an zu träumen, sie werde gefunden. Den Schafen würde ihre Abwesenheit bestimmt schon aufgefallen sein. Vielleicht würden die Hirten ihr Fehlen auch schon am Abend bemerken. Wer sie wohl suchen würde? Vielleicht Augustin? Der fürchtet den Wolf nicht. Jedenfalls hatte er von seinem Mut oft gesprochen. Sie wollte jedenfalls eine ruhige Nacht im Schutz der Höhle verbringen.

Doch die Nacht blieb nicht ruhig. Fremde Menschenstimmen waren zu hören. Eine Frauenstimme. Ein Esel. Eine merkwürdige Spannung lag in der Luft. Adele grub sich immer tiefer ins Heu, um nur ja nicht bemerkt zu werden. Einige Zeit war es ruhig. – Doch da. Wimmerte da nicht ein kleines Lämmchen? Oder klang so die Stimme eines ganz kleinen Menschenkindes?

Ängstlich und neugierig zugleich steckte Adele ihren Kopf aus dem Heuhaufen. Und was sie da jetzt sah, ließ sie das Gewimmer sofort vergessen.

Alle Hirten waren unterwegs zu dem Stall. Mit ihnen der Hirtenhund. Und alle Schafe. So sehr hatte sie den anderen gefehlt, dass alle gemeinsam auf die Suche gegangen waren. Und ging vorneweg nicht ihre Mutter, die wohl spürte, wo Adele zu finden sei?

Gerade wollte Adele ihr entgegenhüpfen, hinein in das wohlige Gefühl des Gefundenwerdens.
Da geschah etwas Sonderbares. Ihr schien, als wäre gar nicht sie, die verloren gegangene Adele, der Mittelpunkt des Interesses. Alle wandten sich den Menschen zu. Sie hatte richtig gehört und gesehen. Da waren ein Mann und eine Frau. Und dazu ein so winziges Menschenkind, wie man es draußen auf den Feldern sonst nie zu Gesicht bekam. Waren etwa alle Hirten und Schafe gar nicht wegen ihr gekommen? Es war das Kind, dieses winzige Menschlein, das sie ansahen, als wäre es ein Wunder. Etwas ganz Besonderes.

So viel enttäuschte Erwartung konnte Adele kaum aushalten. Doch noch ehe sich der Schmerz der Enttäuschung ganz in ihr ausbreiten konnte, wusste sie plötzlich, was sie tun würde. Sie sprang auf ihre Mutter zu und rief laut: „Mama, ich war dabei, als dieses Kind geboren wurde!“

Auch wenn Adele nie ganz verstand, welche Bedeutung diese Nacht und dieses Kind für die Hirten hatte. Mit diesen Worten begann sie fortan an jedem Abend bei ihr zuhause im Stall eine neue Geschichte zu erzählen, was sich alles in jeder Nacht zugetragen hatte.

Und manchmal verlor sie über dem Geschichtenerzählen sogar sich selbst. Und sie konnte sich an den Geschichten so freuen, als hätte sie sie gar nicht selbst erfunden, sondern jemand hätte sie ihr ins Ohr geflüstert.

Und einmal, als der Mond besonders schön in den Stall leuchtete, erzählte sie sogar, warum sie wirklich in jener Nacht damals aufgebrochen war. Und sie konnte mit allen anderen darüber lachen.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.